Wo eine alte Schule neues Leben lernen darf

Fast drei Jahrzehnte stand die ehemalige Schule in Oberranschütz weitgehend ungenutzt. Heute entsteht hier Schritt für Schritt ein Ort, der Vergangenheit bewahrt und Zukunft gestaltet. Margit Eichler und ihr Sohn Felix haben das denkmalgeschützte Gebäude gekauft, um es zu sanieren und mit neuem Leben zu füllen – als Zuhause, als Kulturort und als Treffpunkt für Menschen aus der Region. 

Oberranschütz/Döbeln. Schon beim Betreten der Alten Schule in Oberranschütz wird deutlich: Dieses Haus hat viel erlebt. Zwischen den alten Mauern stehen Dutzende Möbelstücke aus vergangenen Zeiten. Schränke, Stühle, Kommoden und Türen warten darauf, aufgearbeitet, weiterverwendet oder neu eingeordnet zu werden. An manchen Stellen ist der Putz bereits entfernt, an anderen lässt sich noch erahnen, wie die Räume früher ausgesehen haben. Es riecht nach Holz, Kalk und Baustelle. Und dennoch strahlt das Gebäude eine bemerkenswerte Ruhe aus.

Vielleicht liegt es an den dicken Mauern. Vielleicht an der abgeschiedenen Lage. Vielleicht auch an der Vorstellung, dass hier einst Kinder an ihren Plätzen saßen, Lesen, Schreiben und Rechnen lernten und in den Pausen durch das Haus liefen. Die Geschichte des Gebäudes ist überall spürbar – in den alten Türen, den Dielen, der Treppe und den hohen Fenstern.

Wer die Stufen bis unter das Dach hinaufsteigt, wird mit einem weiten Blick belohnt. Durch die Fenster reicht die Sicht kilometerweit über die Landschaft. Felder, Wiesen und Baumreihen ziehen sich bis zum Horizont. Hier oben wirkt die Welt plötzlich ein wenig stiller. Es ist einer dieser Orte, an denen man versteht, warum Menschen bereit sind, sich auf ein großes Abenteuer einzulassen.

Margit Eichler und ihr Sohn Felix Geller haben genau das getan. Sie haben die ehemalige Dorfschule gekauft – nicht, weil sie ein unkompliziertes Haus suchten, sondern weil sie sich bewusst für ein historisches Gebäude entschieden haben. Für eines mit Geschichte, Charakter und vielen offenen Fragen. Und für ein Gebäude, das eine Zukunft verdient.

Eine Entscheidung gegen den einfachen Weg

Am Anfang stand die Suche nach einem älteren Haus mit Grundstück, möglichst mit einer kleinen Werkstatt. Ein Neubau kam für die Familie nicht infrage. Statt neue Fläche zu beanspruchen, wollten Margit und Felix Geller ein vorhandenes Gebäude erhalten und wieder nutzbar machen. Als sie auf die Alte Schule Oberranschütz stießen, änderte sich die Dimension ihres Vorhabens.

Das 1892 errichtete Gebäude war nicht einfach nur ein altes Wohnhaus. Es war ein Denkmal und ein Stück Ortsgeschichte. Über Jahrzehnte erfüllte es unterschiedliche Aufgaben. Zunächst diente es als Dorfschule mit Lehrerwohnung. Später wurde das Erdgeschoss als Kindergarten genutzt. Die Wohnung im Obergeschoss blieb lange bewohnt. Seit Mitte der 1990er-Jahre jedoch stand ein großer Teil des Hauses leer. 

Die Bausubstanz hatte gelitten. Das Dach war undicht, große Teile des Gebälks waren beschädigt, Fenster und Leitungen entsprachen längst nicht mehr heutigen Anforderungen. Eine funktionierende Heizung gab es nicht. Sanitäranlagen und Elektroinstallation mussten vollständig erneuert werden.

Wer ein solches Gebäude kauft, entscheidet sich nicht nur für ein Haus. Er entscheidet sich für Jahre voller Arbeit, Überraschungen, Genehmigungen, Kosten und Herausforderungen. Margit und Felix Geller taten es trotzdem.

Rückkehr in die Heimat

Für Felix Geller ist die Alte Schule eng mit einem persönlichen Wunsch verbunden. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Dresden. Doch der Gedanke, eines Tages in seine Heimatregion zurückzukehren, war immer da. Nun soll aus der ehemaligen Lehrerwohnung im Ober- und Dachgeschoss sein neues Zuhause werden. Damit schließt sich auf besondere Weise ein Kreis: In einem Haus, in dem früher ein Lehrer lebte und arbeitete, wird künftig wieder ein Lehrer wohnen.

Doch romantisch verklärt wird die Sanierung dadurch nicht. Hinter der Idee stehen unzählige Stunden Arbeit. Felix Geller übernimmt vieles selbst. Er misst, plant, baut, probiert sich aus und stellt sich immer neuen Aufgaben. Was er gestern noch nicht konnte, lernt er heute. Was zunächst wie ein Problem wirkt, wird zur nächsten Herausforderung. So wächst nicht nur das Haus mit jedem Bauabschnitt. Auch Felix Geller wächst an dem Projekt. Er eignet sich handwerkliche Fähigkeiten an, lernt historische Materialien kennen und muss immer wieder entscheiden, was erhalten, repariert oder erneuert werden kann. Dabei geht es nicht darum, das Alte um jeden Preis zu konservieren. Vielmehr sollen die Geschichte des Hauses und die Anforderungen an modernes Wohnen sinnvoll miteinander verbunden werden.

Alte Holztüren sollen restauriert, Dielen nach Möglichkeit erhalten und das historische Treppenhaus behutsam aufgearbeitet werden. Auch der Kachelofen im Wohnzimmer soll bleiben. Gleichzeitig entstehen eine neue Pelletheizung, moderne Sanitäranlagen, eine vollständig neue Elektrik und eine biologische Kleinkläranlage. Das Dach wurde erneuert, Fenster ausgetauscht und mehrere Hundert Quadratmeter Wandfläche erhalten Kalkputz. Allein diese Arbeit zeigt, wie viel Handarbeit in dem Projekt steckt. Kalkputz lässt sich nicht einfach nebenbei auftragen. Er verlangt Erfahrung, Zeit und Geduld. Und genau daran mangelt es Felix Geller nicht.

Nicht nur wohnen, sondern etwas zurückgeben

Mit der Sanierung der ehemaligen Lehrerwohnung wäre das Gebäude bereits gerettet und wieder bewohnt. Doch schon vor dem Kauf stellte sich die Frage, was aus dem früheren Klassenraum im Erdgeschoss werden könnte. Anfang der 1980er-Jahre war er für die Nutzung als Kindergarten umgebaut worden. Seit Mitte der 1990er-Jahre stand er leer.

Eine zweite Wohnung wäre denkbar gewesen. Vermutlich wäre sie sogar die einfachere und wirtschaftlich naheliegendere Lösung gewesen. Doch die Familie entschied sich dagegen. Die alte Schule sollte nicht ausschließlich privat genutzt werden. Sie sollte auch künftig ein Ort bleiben, an dem Menschen zusammenkommen, etwas lernen und Erfahrungen teilen. Aus diesem Gedanken entstand das Projekt „LandKultur“.

Der ehemalige Klassenraum soll in seiner ursprünglichen Größe wiederhergestellt und zu einem Veranstaltungsraum ausgebaut werden. Geplant ist ein kleiner, besonderer Ort für Kultur und kulturelle Bildung – barrierearm, persönlich und offen für unterschiedliche Generationen.

Hier sollen künftig Lesungen, Vorträge und kleine Konzerte stattfinden. Auch Workshops zu Musik, Literatur, Handwerk oder kreativen Themen sind denkbar. Hinzu kommen Ausstellungen, Filmabende, Spielenachmittage und außerschulische Bildungsangebote. Der Raum soll keine klassische Veranstaltungsstätte werden, in der Menschen lediglich Platz nehmen und später wieder gehen. Er soll ein Ort der Mitwirkung sein. Ein Ort, an dem Menschen ihre Fähigkeiten einbringen, voneinander lernen, miteinander diskutieren und selbst Ideen entwickeln können.

Zwei Generationen, eine gemeinsame Vision

Margit Eichler und Felix Geller bringen dafür sehr unterschiedliche Erfahrungen mit. Margit Eichler ist Sozialpädagogin und als Amateurmusikerin in Bands und Musikprojekten aktiv. Sie kennt die verbindende Kraft von Kultur und weiß, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen sich begegnen können. Felix Geller unterrichtet Mathematik und Naturwissenschaften. Neben seiner pädagogischen Arbeit interessiert er sich für historische Bausubstanz und Handwerk. Er möchte Wissen nicht nur im Klassenzimmer vermitteln, sondern auch außerhalb schulischer Strukturen. 

Gerade in dieser Verbindung liegt die Stärke des Projekts. Mutter und Sohn ergänzen sich. Die eine bringt ihre Erfahrungen aus Kultur, Musik und sozialer Arbeit ein, der andere seine Kenntnisse aus Bildung, Naturwissenschaft und praktischer Sanierung. Was daraus entstehen kann, ist noch nicht bis ins letzte Detail festgelegt. Und genau das gehört zum Konzept.

Die Alte Schule soll sich entwickeln dürfen. Die künftigen Angebote sollen sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Manche Formate werden sich bewähren, andere vielleicht nicht. Entscheidend ist, dass ein Raum entsteht, in dem ausprobiert werden darf. Ein Raum, der nicht vorgibt, was Kultur auf dem Land sein muss. Sondern einer, der zeigt, was sie sein kann.

Ein Garten, der sich seinen Raum zurückgeholt hat

Auch außerhalb des Hauses zeigt sich, was diesen Ort besonders macht. Der Garten ist keine sorgfältig angelegte Parkanlage. Er ist naturbelassen, dicht und sattgrün. Zwischen Sträuchern, Wiesen und alten Pflanzen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Tiere einen Lebensraum gefunden. Vögel nisten hier. Insekten finden Nahrung und Schutz. Ringelnattern haben sich angesiedelt. Rund um einen Lavendelstrauch schwirren Schmetterlinge. Die Natur durfte sich den Garten ein Stück weit zurückholen.

Gerade darin liegt sein Reiz. Der Ort wirkt friedlich und geschützt. Er verspricht eine Idylle, ohne inszeniert zu sein. Man kann sich gut vorstellen, wie Besucherinnen und Besucher eines Tages nach einer Lesung oder einem Konzert nach draußen treten, miteinander ins Gespräch kommen und den Blick über das Grundstück schweifen lassen. Auch dieser Garten soll nicht einfach verschwinden, damit alles sauber, glatt und ordentlich wirkt. Sein Charakter soll erhalten bleiben. Denn zur Geschichte der Alten Schule gehört nicht nur das Gebäude. Es gehört auch die Landschaft dazu, in der es steht.

Eine Baustelle, die schon jetzt Menschen verbindet

Noch ist vieles Zukunftsmusik. Die Sanierung läuft. Einige Arbeiten sind bereits geschafft, viele weitere liegen noch vor der Familie. Und wie bei nahezu jedem historischen Gebäude treten immer wieder Überraschungen auf. Was sich hinter Wänden und Decken verbirgt, zeigt sich oft erst, wenn die Arbeiten begonnen haben. Zusätzliche Abstimmungen mit Behörden werden notwendig. Genehmigungen brauchen Zeit. Die Anforderungen von Denkmalschutz, moderner Technik und nachhaltiger Sanierung müssen miteinander vereinbart werden.

Auch das zweite Vorhaben, der Ausbau des ehemaligen Klassenraums für „LandKultur“, verzögert sich derzeit. Für die Umnutzung war ein Bauantrag notwendig, dessen Bescheid noch aussteht. Doch obwohl das Projekt längst nicht abgeschlossen ist, verändert es den Ort bereits. Nachbarn kommen vorbei und erkundigen sich nach dem Stand der Arbeiten. Es entstehen Gespräche und gegenseitige Unterstützung. Menschen interessieren sich für das Gebäude und seine Zukunft. Margit Eichler beschreibt es treffend: Eigentlich seien sie noch mittendrin. Und doch sei schon dieses nachbarschaftliche Miteinander ein erster Gewinn. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft des Projekts. Die Alte Schule muss nicht fertig sein, um Menschen zusammenzubringen. Sie tut es bereits jetzt.

Freude über jeden geschafften Schritt

Wer Margit Eichler fragt, worauf sie besonders stolz ist, erhält keine pathetische Antwort. Das Wort Stolz gebrauche sie eher nicht, sagt sie. Doch in den wenigen ruhigen Momenten während der Bauphase spüre sie Freude und Zufriedenheit über das, was bereits erreicht wurde. Diese Haltung passt zu dem gesamten Vorhaben. Es geht nicht um große Gesten. Es geht um viele kleine Schritte.

Um einen geretteten Balken. Eine aufgearbeitete Tür. Eine fertig verputzte Wand. Eine technische Lösung, die endlich funktioniert. Eine neue Genehmigung. Eine Aufgabe, die nach mehreren Versuchen bewältigt wurde. Und um die Vorstellung, dass aus all diesen Schritten irgendwann ein großes Ganzes wird.

LEADER gibt der Idee eine Chance

Ohne Förderung wäre eine Sanierung dieses Umfangs für die vorgesehene Nutzung kaum möglich gewesen. Die Kosten für Dach, Fenster, Heizung, Elektrik, Sanitär und denkmalgerechte Arbeiten sind hoch. Hinzu kommt der Wunsch, nicht nur kurzfristig zu reparieren, sondern das Gebäude nachhaltig und langfristig wieder nutzbar zu machen. Die LEADER-Förderung trägt wesentlich dazu bei, die Finanzierung abzusichern und die Sanierung in einem vertretbaren Zeitraum umzusetzen.

Für Regionalmanagerin Josefine Tzschoppe zeigt die Alte Schule Oberranschütz besonders eindrucksvoll, welche Wirkung LEADER entfalten kann: „Hier wird nicht einfach ein altes Gebäude saniert. Es entsteht ein Zuhause für einen Rückkehrer und zugleich ein neuer Ort für Kultur, Bildung und Begegnung. Das Projekt verbindet Denkmalschutz, Familie und regionale Entwicklung auf ganz besondere Weise.“

Gerade solche Vorhaben seien für ländliche Regionen von großer Bedeutung. Sie schaffen nicht nur Wohnraum, sondern neue Perspektiven. Sie erhalten vertraute Gebäude und füllen sie mit zeitgemäßen Ideen. „Margit Eichler und Felix Geller zeigen, wie viel Mut, Ausdauer und Leidenschaft in einer solchen Entscheidung stecken“, sagt die Regionalmanagerin. „Sie haben sich nicht für den einfachen Weg entschieden. Sie haben sich für einen Ort entschieden, der ihnen und anderen Menschen künftig viel geben kann.“

Ein Baum für ein Projekt, das wachsen darf

Als die LEADER-Sommertour in Oberranschütz Station machte, standen die Gäste mitten in einer Baustelle. Und dennoch fühlte es sich nicht nur nach Baustelle an. Vielleicht lag es an der Ruhe der alten Mauern. Vielleicht am weiten Blick aus den Fenstern unter dem Dach. Vielleicht an der Begeisterung, mit der Margit Eichler und Felix Geller von ihren Plänen erzählten.

Wer ihnen zuhörte, konnte den künftigen Ort bereits vor sich sehen: Menschen sitzen im ehemaligen Klassenraum und lauschen einem Konzert. Kinder und Erwachsene arbeiten gemeinsam in einem Workshop. Eine Ausstellung zieht Besucher aus der Region an. Nach einem Vortrag stehen kleine Gruppen im Garten und reden weiter.

Die Alte Schule ist noch nicht fertig. Aber ihre Zukunft ist bereits vorstellbar. Zum Abschluss des Besuchs wurde gemeinsam ein Baum gepflanzt. Kaum ein Symbol könnte besser zu diesem Projekt passen. Denn auch ein Baum braucht Zeit. Er muss Wurzeln bilden, sich an seinem Standort behaupten und Jahr für Jahr wachsen. Genauso ist es mit der Alten Schule. Ihre Wurzeln reichen weit zurück. Nun beginnt ein neues Kapitel. Und vielleicht wird schon bald wieder das zu hören sein, was in diesem Haus viele Jahre gefehlt hat: Stimmen, Musik, Lachen und das lebendige Geräusch von Menschen, die zusammenkommen, voneinander lernen und gemeinsam Zukunft gestalten.